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DER EWIGE LOOK

Meditationen zum Chelsea Farmers Club von Finn Canonica (erschienen im Magazin des Züricher Tagesanzeiger)


Der Chelsea Farmer’s Club bietet Menschen Heimat, die gute Kleider, aber keine Mode mögen.
Vor etwas mehr als fünfundzwanzig Jahren erschien in London ein Handbuch, das mit viel Witz und Ironie die Physiognomie, den Stil, den Habitus eines bestimmten, sehr englischen Typus beschrieb: Das «Official Sloane Ranger Handbook» von Peter York und Ann Barr etablierte sich als eine Art Knigge für jene seltene Sorte von Menschen, die modische Versuchungen erstmals mit aristokratischer Gelassenheit parieren. Das Buch verdankt seinen Namen dem Sloane Square, dem teuersten Platz im teuren Londoner Stadtteil Chelsea. Die «Sloanes», wie man die Söhne und Töchter dieser exklusiven Londoner Wohngegend nannte, zeichneten sich aus durch ihren unerschütterlichen Glauben an die zivilisatorische Überlegenheit der britischen Oberschicht. Und deren heilige Säulen sind bekanntermassen: eine Ausbildung in einer exklusiven Public School wie Eton oder Harrow; die an geistige Sodomie grenzende Liebe zu Pferden und Hunden sowie die kultische Verehrung von Lady Diana Spencer, Margaret Thatcher, David Niven und Brian Ferry. Vulgäre Dinge wie gerade angesagte Lokale oder die allerneuste Unterhaltungsmusik werden systematisch verachtet. Stattdessen begeistert der Ranger sich für Picknick im Stadtpark; Partys, auf denen ausgiebig getanzt wird; allerlei Gesellschaftsspiele unter freiem Himmel (Kricket, Sackhüpfen, Fang mich und Verstecken) sowie die Flora und Fauna seiner Heimat. Dazu kommt das Festhalten an einem rigiden Bekleidungskult. Ein typischer Sloane Ranger trägt zum Beispiel groben Tweed, doppelreihige Pullover, Chelsea-Boots sowie eine rot gepunktete Krawatte über einem hellblauen Hemd. Handelt es sich beim Ranger um eine Frau, stecken bei Regen ihre nackten Beine in gelben Gummistiefeln, eine dicke Strickjacke schützt sie vor der Kälte. Gegen Designermode hegen Sloanes den starken Verdacht, dass Kleider, die heute aktuell sind, schon morgen alt aussehen. Selbstverständlich ist dieses Desinteresse an der Mode nur ein scheinbares. Zu klug ist der Sloane Ranger, um nicht zu wissen, dass nur ein Idiot glaubt, dass Kleidung unwichtig sei. Der in Mitteleuropa sehr verbreitete Typus des selbstbewusst nachlässig gekleideten Intellektuellen (innere Werte!) ist ihm noch der grössere Gräuel als der Markengeck. Ein wahrer Sloane sieht sich in einer Mitverantwortung für die Zivilisiertheit des öffentlichen Raums. Stil ist für ihn nie eine Geld- oder gar Klassenfrage, sondern eine Frage von Haltung, Charme und Wissen.
Im England der frühen Achtzigerjahre waren die Londoner Sloanes so etwas wie eine gesellschaftliche Definitionsmacht – bis das Mikroklima der Stadt sich veränderte. Der globalisierte Kapitalismus, die Deregulierung des britischen Bankensytems machte Schluss mit der Wolldecken-Gemütlichkeit der von den Sloane Rangers kultivierten «Old Boys»-Netzwerke. Den Sloane Square kreuzten immer mehr sogenannte Bonus Boys, jener Schlag von markengeilen und risikofreudigen Investmentbankern, denen die Welt das gegenwärtige Finanz-Armageddon zu verdanken hat.
Ausgestorben ist der Typus des Sloane Ranger allerdings nie. Einer, der vollkommen unangestrengt diesen Aspekt von britischer Kultur pflegt, ist Christoph Tophinke (Ölgemälde links). Der grosse Glatzkopf («very sloane!») gründete vor wenigen Jahren in Berlin den Chelsea Farmer’s Club (CFC), eine Art fliegender Freundeskreis von Leuten, die gerne in rustikaler Gesellschaftskleidung (aus dem klubeigenen Laden, siehe Seite 42) handfest feiern. Es gehe dabei nicht um Nostalgie nach dem Empire oder gar um das Kultivieren von Klassendünkel, betont Tophinke. Vielmehr sei es die klammheimliche Freude, sich in der von bizarren Modetrends besetzten Hauptstadt Berlin einen Ruhepol geschaffen zu haben. Und so verschickt der Klub gerne Einladungen zu Abendveranstaltungen, bei denen die Herren in «Black Tie & Gummistiefeln» erwartet werden – was wiederum die typischen urbanen Hipster in schwere Gewissenskonflikte stösst, da a) kein Smoking im Schrank hängt und b) die Gummistiefel auf dem letzten Flohmarkt versilbert wurden.

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